RWE-Boss Marcus Uhlig wirbt für Aufstockung oder Teilung der 3. Liga

RWE-Boss Marcus Uhlig wirbt für Aufstockung oder Teilung der 3. Liga

April 3, 2020 0 Von Carsten Schulte

Der Fußball hofft und stellt sich darauf ein, ab Mai zumindest mit Geisterspielen wieder zu spielen. Das ist zumindest Plan der beiden Bundesligen. Aber wie geht es zwischen Regionalliga und 3. Liga weiter? Marcus Uhlig, Vorstand von RW Essen, wirbt weiter für eine Aufstockung der 3. Liga – oder aber eine Teilung in zwei Staffeln. Geisterspiele lehnt er klar ab.

(Artikelfoto: Marcus Uhlig, Foto: Imago)

Auch in der Regionalliga West ruht der Spielbetrieb bis Ende April. Gerade erst wurde die Pause, die eigentlich nur bis zum 19. April dauern sollte, verlängert. Das Problem der Regionalliga selbst ist exakt das, mit dem auch der Profifußball zu kämpfen hat. Eine Fortsetzung des Spielbetriebs scheint nur mit Geisterspielen möglich. Allerdings lassen sich die Voraussetzungen und Bedingungen in den Ligen nicht ansatzweise vergleichen. Im Profifußball könnten Spieler beliebig isoliert werden, wären zentrale Spielorte denkbar, Geisterspiele kein (vorrangig wirtschaftliches) Problem. Die Konzepte für Spiele ohne Fans werden ja aktuell in der 1. und 2. Bundesliga schon vorbereitet. All das ist in der 3. Liga nur eingeschränkt denkbar, in der Regionalliga ganz sicher nicht.

Das sagt auch Marcus Uhlig, Vorstand von RW Essen, im Blog-Gespräch mit dem Autor Dietrich Schulze-Marmeling (aktuell auf der Seite des Verlags Die Werksttatt). Es sei „schwer vorstellbar“, so Uhlig, die „Saison im gewohnten Rahmen zu Ende spielen zu können“.

Die „Lösungsstrategie darf sich nicht nur auf die ersten beiden Ligen beziehen“, so Uhlig. Der Gedanke, eine Saison vielleicht erst im November oder Dezember zu beenden, müsse diskutiert werden. Konsequent und radikal wäre der Saisonabbruch. Dann müsste man sich „aber eine vertretbare Kompensation im sportlichen wie auch im finanziellen Bereich überlegen“. Und hier wird es spannend.

FALLS die Saison abgebrochen würde: Was wäre für dich der beste Umgang damit?

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Uhlig schlägt zwei Varianten vor. Die eine wäre die Aufstockung der 3. Liga auf bis zu 24 Teams. Die andere wäre eine Aufteilung der 3. Liga in zwei Staffeln. Letzteres Modell wäre de facto eine Rückkehr zur Jahrtausendwende, als die Regionalliga in Nord- und Südstaffel spielte. Sind solche Planspiele wirklich eine „Chance“, wie es Uhlig formuliert? Natürlich greift der RWE-Boss damit die ewig schwelende Reformdebatte für die 3. Liga und Regionalliga auf. Die jetzt gefundene Lösung mit vier Aufsteigern aus fünf Regionalliga-Staffel ist längst noch nicht ideal, aber wurde schon unter Schmerzen geboren. Das weiß auch Uhlig, weswegen er auf einen anderen Aspekt zielt.

Die Regionalliga ist eine Spielklasse zwischen Baum und Borke. Hier tummeln sich, wie es auch Dietrich Schulze-Marmeling formuliert, die „abgestürzten“, aber ambitionierten großen Klubs wie Saarbrücken, Cottbus, Offenbach oder Essen. Aber eben auch zahllose Klubs, die ihrem Wesen nach reine Amateurklubs sind und vor allem Klubs ohne jede Perspektive auf reinen Profi-Fußball.

Und Zweitvertretungen und Mäzen-Klubs

Und zwei weitere Gruppen von Klubs gibt es noch: Endlose Zweitvertretungen der Bundesliga-Klubs und die durch Mäzene/Investoren/Geldgeber „gepimpten“ Klubs. Vereine wie Rödinghausen – mit teilweise professioneller Infrastruktur, aber ohne jede Tradition, ohne große Zuschauerzahlen. Wobei nicht einmal alle wirtschaftlich potenten Klubs wirklich Chancen auf die 3. Liga hätten. Gerade erst hat der souveräne West-Tabellenführer SV Rödinghausen einen Verzicht auf die 3. Liga erklärt. Man verfüge nicht über ein ausreichend großes Stadion und möchte doch lieber ein starker Regionalligist bleiben…

In keiner Fußballliga prallen derart gegensätzliche Interessen und Bedingungen so aufeinander wie in Deutschlands Regionalligen. Hier die Klubs, die bei 500 Zuschauern in Jubel ausbrechen, dort die Klubs mit Zuschauerschnitten ab 6.000 Fans aufwärts. Beispiel RW Essen: Der sportliche Aufwärtstrend treibt dort knapp 11.000 Zuschauer im Schnitt ins (neue) Stadion. Uhligs „simple“ Idee: Man könne durch eine Aufstockung oder Teilung der 3. Liga doch jene Vereine eine Klasse höher hieven, die von ihrem Umfeld her ohnehin dort besser aufgehoben wären. „Natürlich ist bei dieser Idee auch ein gewisser Eigennutz dabei“, gibt Uhlig zu. Und das ist korrekt: Sportlich würde eher der SC Verl (zwei Punkte vor Essen und zwei Spiele weniger!) Chancen haben.

Uhligs Logik: In der 3. Liga sollten sich in einer Art massivem Relaunch jene Klubs wiederfinden, die gerade durch ihre starken Zuschauereinnahmen jetzt starke Verluste zu verzeichnen hätten.

Er sagt: „Aber wann, wenn nicht jetzt, macht es mehr Sinn, wirklich einmal alle Denkblockaden oder Tabus außen vor zu lassen, um einen Weg zu finden, wie wir eine sinnvollere Aufteilung im Bereich direkt unterhalb der DFL organisieren können? Eine 3. Liga, in der sich auch all jene Vereine wiederfinden, die jetzt durch Corona immense Verluste in den Spielbetriebseinnahmen haben. Das sind doch genau die Klubs, die – bringen wir es mal auf den Punkt – aktuell einfach nicht in eine 4. Liga passen.“

Eine Liga also mit zahlreichen Zuschauer-Magneten und mehr Spielen. Für Uhlig liege die Chance derzeit darin, eine „saubere Trennung zwischen Profi- und Amateurfußball“ zu bekommen. Dabei wäre doch gerade das ein Problem! Was wäre mit den Absteigern aus der Profiliga? Die würden in einen Topf voller Amateurklubs stürzen – und dort entweder wie Raubfische alles wegfressen, was sich bewegt. Oder aber schlichtweg „versumpfen“ im Nirgendwo. Dass für RWE der Fokus auf der Teilnahme in einer Profiliga liegt, ist logisch. Aber RWE selbst ist der schlagende Beweis dafür, dass es für einen noch so ambitionierten Klub in einer Amateurliga wahnsinnig schwer sein kann – Essen spielt im elften Jahr (!) in der Viertklassigkeit. Reihenweise scheiterte der Klub an sich, an den eigenen Erwartungen und Ansprüchen – oder ganz schlichtweg an besser arbeitenden oder wirtschaftlich doch potenteren Klubs. Da geht es den Rot-Weißen wie Alemannia Aachen oder Wuppertal, die auch in der Viertklassigkeit untergegangen sind. Und wie viel schlimmer würde das werden, wenn der Graben zwischen Profifußball und Amateurfußball sogar noch verschärft würde?

Und ganz nebenbei: Welche finanziellen Auswirkungen hätte es wohl auf die Regionalligen, nähme man diesen auch noch die letzten großen und attraktiven Klubs? Das beantwortet Marcus Uhlig natürlich nicht, aber die Frage ist ja berechtigt.

Uhlig glaubt auch, dass eine zweigleisige oder aufgestockte 3. Liga erheblich mehr TV-Einnahmen generieren müsste.

Neue Gräben

Aber hier wird es schwierig. Die 3. Liga wurde 2008 ins Leben gerufen, um diesen Spalt zwischen dem Profi-Fußball und dem Amateurfußball etwas zu schließen. Eine Profi-Liga, ja, aber unter dem Dach des DFB. Mit TV-Erlösen, ja. Zwar nicht ansatzweise vergleichbar mit den TV-Erlösen in den Bundesligen, aber signifikant größer als in der Viertklassigkeit. Der Charme und der überragende Erfolg der 3. Liga resultiert bis heute aus ihrer Eingleisigkeit und der Tatsache, dass dort teilweise gewaltige Klubs unter einem Dach spielen. Bundesweit. Stichwort Kaiserslautern, 1860 München, Rostock, Braunschweig, Magdeburg usw.

Als Oliver Bierhoff im vergangenen Oktober eine Zweigleisigkeit der 3. Liga ins Spiel brachte (damals aus dem Gedanken der Nachwuchsförderung), war der Protest zu Recht groß. Es ist, als würden plötzlich all die Argumente vergessen sein, die 2008 überhaupt erst zur 3. Liga geführt hatten. Vorher waren die Regionalligen ein Sammelbecken sportlich überschauberer Qualität und Ansprüche. Erst die 3. Liga hat die Konturen verschärft und damit die Konkurrenz und Qualität erhöht. Für die „Nachwuchsförderung“ hat die 3. Liga allerdings eher wenig getan – wer in der 3. Liga ist, hat in den meisten Fällen auch Ambitionen in Richtung 2. Bundesliga. Das zeigt sich auch in den Kadern der Klubs. Und hat der DFB diese Anspruchshaltung nicht selbst mit seinem (mäßig intelligenten) Claim „Wer Dritter ist, will Erster werden“ formuliert?

Die 3. Liga bezieht ihre Stärke, ihren Reiz aus eben dieser Konzentration vieler großer Klubs in einer Liga. Vor allem deshalb ist sie erfolgreich. Aber auch, weil diese Traditionsklubs in der 3. Liga deutlich „nahbarer“ sind als die Profiklubs in der Bundesliga. Es ist diese Mischung aus „großem Fußball“ mit der Nähe aus dem Amateurfußball. Natürlich lässt sich darüber nachdenken, ob eine Zweiteilung nicht doch eine Stärke sein könnte. Aus Sicht des SC Preußen oder Viktoria Köln oder Duisburg wären Klubs wie Aachen, Essen oder Oberhausen sicher spannender als Unterhaching oder Ingolstadt.

Woher kommt das Geld?

Uhlig glaubt also, dass eine solche Liga „wesentlich wertvoller am TV-Markt“ zu platzieren sein müsste. Belege dafür sind derzeit schwer zu finden. Schon das aktuelle „Premium-Produkt“ 3. Liga wird mit vergleichsweise dünnen TV-Geldern abgespeist. Der aktuelle TV-Vertrag sieht sogar weniger Free-TV-Spiele als früher vor. Die „Einschaltquoten“ bei Magenta bewegen sich selbst bei Topspielen im unteren sechsstelligen Bereich. Und das, obwohl praktisch jeder Telekom-Kunde zunächst kostenlosen Zugriff auf die Übertragungen erhält.

Woher sollen denn diese höheren Erlöse kommen, die dann auch auf 24 oder gar 40, 44 Klubs verteilt werden müssten? Warum sollten Rechteinhaber plötzlich so viel mehr zahlen?

Und zusätzlich: Nach welchen Kriterien könnte in Uhligs Gedankenspiel entschieden werden, welche Klubs in dieser neuen 3. Liga spielen sollen? Wer bestimmt, dass nur „Traditionsklubs“ mit mehr X Zuschauern rein dürfen, während kleinere Klubs draußen bleiben müssten? Das würde den Sinn des Sports völlig ins Absurde verkehren. Bezieht der Fußball nicht seinen Reiz auch daraus, dass Underdogs durch besseres Handeln an den „Traditionsklubs“ vorbeiziehen? Mit welchem „Recht“ könnten sonst Klubs wie Wehen Wiesbaden, Sandhausen oder Heidenheim im Profi-Fußball spielen? Es kann keine Lösung sein, weiche Kriterien wie Fantreue oder Leidenschaft über die schlichte Leistung auf dem Rasen zu stellen.

Uhlig formuliert im Werkstatt-Blog, dass die Zulassungskriterien für die 3. Liga ja schon ein „Sieb“ seien, in dem infrastrukturell gut aufgestellte Klubs getrennt würden von reinen Amateurklubs, für die der Profi-Fußball ganz weit weg ist oder die nur für ein, zwei Jahre mal „reinschnuppern“ könnten. Kickers Emden. Wacker Burghausen. TuS Koblenz. SV Babelsberg?

Aber Infrastruktur und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sind eben auch kein letztgültiger Maßstab, um darüber zu entscheiden, wer Profi sein darf und wer Amateur.

Dass Uhlig am Ende darüber sinniert, wie der Fußball „ein Stück weit“ zurückgedreht werden könnte und darauf verweist, wie „groß die Schere zwischen der Bundesliga und den anderen Vereinen bzw. Ligen geworden“ sei, mutet fast etwas seltsam an. Denn er selbst ist es, der diese Schere zugunsten mancher viertklassiger Traditionsklubs weiter aufmachen möchte. Stichwort „saubere Trennung zwischen Profi- und Amateursport“. Was anders wäre das als die erneute Zementierung eines Grabens, den man 2008 zuschütten wollte?

Anders gesagt: Ja, es wird für die 3. Liga und die Regionalliga Lösungen geben müssen, auch unorthodoxe. Ja, es ist angebracht und sinnvoll, über Aufstockungen und Zergliederung zu sprechen. Aber es kann eigentlich nicht der Weg sein, neue Probleme und Grenzen zu schaffen, um damit ambitionierte Traditionsklubs am Sport vorbei an die „Fresstöpfe“ des Profifußballs zu hieven und dabei andere Klubs zu übergehen.