Lokalmedium „RUMS“ stoppt seltsame Stadion-Umfrage

Lokalmedium „RUMS“ stoppt seltsame Stadion-Umfrage

17. Juni 2024 6 Von Carsten Schulte

Die Lokaljournalismus-Plattform RUMS in Münster hat schon einige Male über das Thema Preußen Münster und/oder den geplanten Stadionumbau berichtet. Eine aktuelle Umfrage des Mediums zum Stadion, die in den vergangenen Tagen in Social Media als Anzeige beworben wurde, warf allerdings viele Fragen auf. Und wurde nun gestoppt.

tldr; RUMS hatte eine Umfrage zum Stadionumbau veröffentlicht, deren Kernaussage im Grunde so lautete: Das Stadion ist zu teuer und führt zumindest indirekt zum finanziellen Kollaps der Stadt Münster. Fragen und Antwortmöglichkeiten waren fast durchgängig in einem negativen Ton formuliert und wiederholten die Ausgangsthese, nach der sich die Stadt den Umbau nicht leisten kann und/oder dass anderen Projekte Vorrang haben sollten.

Bis zum Sonntagabend stand die Umfrage der RUMS noch online und war in Social Media beworben worden. Dann wurde die Werbung gestoppt (online ist sie derzeit noch immer). Ein paar Worte kann man darüber noch verlieren.

Es ging in der Umfrage ganz grundsätzlich um den wirtschaftlichen Spagat, vor dem die Stadt Münster steht. Die Stadt muss sparen, es droht perspektivisch sogar die Haushaltssicherung und damit der Verlust der finanziellen Hoheit der Stadt. Zugleich stehen aber einige hochpreisige Ausgaben im Haushalt, zu denen sich die Stadt per Ratsentscheidung bekannt hat. Diese Ausgangsposition ist unstrittig. Und genau in diesem Spannungsverhältnis lief Umfrage des lokaljournalistischen Mediums RUMS.

Die Fragestellung mit Blick auf das Preußenstadion lautet dabei: „Umbau trotz schwieriger Finanzlage der Stadt Münster?“

In der Frage lag ein erstes und grundsätzliches Problem. Sollte diese Frage tatsächlich mit einem „Nein“ beantwortet werden? Und warum musste ausgerechnet dieses Projekt für diese Grundsatzfrage herhalten? Vermutlich kann man die Antwort erraten – das Stadion ist ein öffentlichkeitswirksames Thema, das eine große Reichweite verspricht. Und so schrieb es dann auch RUMS-Mitgründer Marc-Stefan Andres auf Anfrage von 100ProzentMeinSCP.de. „Wir wollen RUMS bekannter machen, auch deswegen haben wir die Umfragen gestartet“, antwortete er auf eine entsprechende Frage ans Team. Und: „Mit unseren Umfragen, zu denen auch die zum Preußen-Stadion gehört, wollten wir Meinungen einfangen und, vielleicht auch auf etwas provokante Weise, Impulse für Facebook- und Instagram-Diskussionen geben, deren Ergebnisse wir auch redaktionell verwenden wollten.“ Das ist ein nachvollziehbarer Gedanke, allerdings liegt ihm auch die Idee zugrunde, das Feuer anzufachen, an dem man sich dann später wärmen will. Böser formuliert: Da wurde Öl ins Feuer gekippt.

Rein inhaltlich wären durchaus Alternativen denkbar gewesen, wie auch Andres zugibt. „Es hätten auch andere geplante Großprojekte vorkommen müssen.“ Es gibt ja einige teure und aktuelle Vorhaben in Münster: Der Musik-Campus oder das Stadthaus 4 wären Beispiele. Der Musik-Campus sei allerdings auch schon einmal Thema im RUMS-Newsletter gewesen, wie Andres sagt.

Beide Projekte wären aber auch deshalb geeigneter gewesen für eine Grundsatzdebatte, weil sie sich im Gegensatz zum Stadionumbau noch in einem deutlich früheren Stadium befinden.

Das gesamte Thema Stadion wird in Münster aber seit Jahrzehnten diskutiert. Wissen muss man: Nach dem Scheitern früherer Pläne („Preußenpark“) lehnte der Rat der Stadt Münster Ende 2017 die Standortsuche für einen privat finanzierten Stadionneubau in Münster ab. Damit zwang die Politik den Verein dazu, sich auf die Hammer Straße zu fokussieren – und zwang sich selbst in die notwendige Finanzierung. Eine private Finanzierung wäre für die Stadt deutlich günstiger gewesen, aber das war politisch offensichtlich nicht gewollt. Also vereinbarten sich Klub und Stadt im Jahr 2018 auf den Standort Hammer Straße, unterzeichneten im Februar 2019 eine gemeinsame Absichtserklärung für den Umbau des städtischen Stadions.

Seitdem laufen die Planungen für den Umbau an der Hammer Straße. Dort kann ein zweitligataugliches Stadion für knapp 20.000 Zuschauer entstehen (was nebenbei bemerkt eines der kleinsten Stadien im Profifußball wäre). Dieser Weg wird von allen großen Ratsparteien gemeinsam getragen – mal aus Überzeugung, mal aus eher pragmatischen Überlegungen. Längst ist aber planerisch wie politisch alles geklärt. Das Budget steht, der Bebauungsplan steht, in diesem Jahr wird ein Totalübernehmer benannt und dann geht der konkrete Bau los. Das bedeutet: Dieses Projekt ist längst in der Umsetzung. Was eben die oben genannte Frage aufwirft, warum ausgerechnet dieses Projekt nun Kern der RUMS-Umfrage sein sollte.

Seltsam einseitig

Die von der RUMS-Marketing-Abteilung und einer externen Agentur erstellte Umfrage wirkte zudem seltsam einseitig. Die gesamte Art der Ausgangsfrage implizierte mehr oder weniger unverblümt, dass das Stadion im Grunde zu teuer für die Stadt sei, die sich mithin dieses Projekt nicht mehr leisten könnte. Diese Grundaussage wurde deutlich – in dem Wörter wie „Kollaps“ und „Millionensumme“ direkt neben „Preußen Münster“ stehen. Die Lesart lag nahe: Hier wird zu viel Geld ausgegeben für ein Riesenprojekt, das die Stadt letztlich ins finanzielle Verderben stürzen wird.

Andres betont, dass der Stadionumbau sehr wohl ein finanzielles Risiko darstelle. „Das ist nach unserem Eindruck keine negative Darstellung, sondern eine, die den vorliegenden Fakten entspricht.“ Darüber lässt sich allerdings unterschiedliche Auffassung sein.

Faktisch sind weitere Fragen in diesem Stil gehalten. „Wie sollte die Stadt Münster das finanzielle Risiko des Stadionumbaus handhaben?“, heißt es da. Und ja, natürlich: Baukosten bergen stets ein Risiko, das lässt sich an praktisch jedem Bauprojekt in der Stadt Münster ablesen. Doch genau darum läuft ja ein Totalübernehmer-Verfahren, in dem die Stadt das Budget vorgibt und der Totalübernehmer am Ende innerhalb dieses wirtschaftlichen Rahmens arbeiten muss. Anders gesagt: Strenggenommen liegt das Risiko am Ende beim Totalübernehmer, nicht bei der Stadt Münster. Die Stadt geht im Grunde auch nicht ins Risiko, nur weil die Pachtzahlungen des SCP an die Ligazugehörigkeit geknüpft sind. Spielt der SCP niedrigklassig(er), fällt die Pacht niedriger aus. Die Gefahr eines Ausfalls wie in Aachen oder Bielefeld steht in Münster allerdings eher nicht im Raum, weil zum einen der Klub nicht über seine Möglichkeiten hinaus belastet wird, zum anderen aber das künftige Stadion schlichtweg nicht ansatzweise so dimensioniert ist wie die beiden Stadien in Aachen oder Bielefeld.

Die Antworten auf die Frage nach dem finanziellen „Risiko“ waren in gleicher Weise formuliert. Unter den vier Antwortmöglichkeiten gab es immerhin eine, die positiv ausfiel – sogar extrem positiv: Teilnehmer können dem Umbau die „höchste Priorität“ einräumen, auch wenn das „Kürzungen in anderen Bereichen“ umfassen sollte. Eine Antwort, die selbst Preußenfans kaum mit gutem Gewissen anklicken könnten. Diese Antwort bedeutete nämlich buchstäblich „koste es, was es wolle“. Das war sicher nicht nur übertrieben, es war auch eine Antwort, der eine sachliche Basis fehlte – denn „Kürzungen“ an anderer Stelle drohen bei einem Stadionbau ja eigentlich nicht, bisher sind jedenfalls keine bekannt. Die jüngste Etaterhöhung wurde auch nicht durch Kürzungen ermöglicht, sondern durch eine Umschichtung für Maßnahmen, die ohnehin erst später anstehen.

„Verschieben oder streichen“

Drei weitere Antwortmöglichkeiten dagegen waren deutlich negativ gehalten: Der Umbau soll „nur dann“ umgesetzt werden, wenn es „keine wesentlichen Einschnitte bei anderen städtischen Angeboten gibt“, „wenn die Stadt dadurch nicht weiter in die Schulden getrieben wird“ oder – am besten: „Der Stadionumbau sollte entweder verschoben oder gestrichen werden.“

Angesichts der insgesamt so ablehnend formulierten Fragen und Antwortmöglichkeiten könnte man sagen: Das ließe sich auch Stimmungsmache nennen. Was Andres letztlich so formuliert: „Die Umfrage war nicht als repräsentative Erhebung gedacht, sondern als ein Instrument, um mit einfachen Mitteln ein Stimmungsbild einzufangen.“ Die Frage ist dann aber, welchen Wert so ein „Stimmungsbild“ hat, wenn der Inhalt eine bestimmte Tonalität vorgibt.

Die letzte Frage zeigte das besonders klar: „Welche alternativen Projekte sollten Ihrer Meinung nach Vorrang vor dem Umbau des Preußenstadions haben, um den finanziellen Kollaps der Stadt zu vermeiden?“ Einmal abgesehen davon, dass die Frage in sich etwas sperrig formuliert ist, denn ein Austausch von Projekten wäre lediglich ein Umschichten der finanziellen Probleme auf ein anderes Projekt, oder? Hier wurde den Teilnehmern suggeriert, dass nur „alternative Projekte“ den finanziellen Kollaps der Stadt verhindern könnten.

Was der Umfrage rein inhaltlich fehlte, war allemal Kontext. Zusammenhänge, die selbst für so ein Stimmungsbild nicht unerwähnt sein sollten. Die Stadt Münster holt sich über Pachtzahlungen die Investition ins Stadion vom SC Preußen Münster zurück – vermutlich werden die schon in der kommenden Zweitliga-Saison teurer ausfallen als bisher. Und ganz sicher werden sie nach dem erfolgten Umbau höher ausfallen. Wäre das nicht eine wichtige Zusatzinformation bei den Fragen und Antworten?

Was auch nicht erwähnt wurde: Zweitliga-Spiele in Münster sind ausschließlich deshalb möglich, weil die Stadt der DFL glaubhaft nachweisen konnte, dass das Stadion umgebaut wird. Ohne diese klare Botschaft wäre Profifußball in Münster schlicht nicht möglich. Wer den Stadionumbau aufgeben möchte, schließt faktisch Profifußball in Münster aus. All das bleibt unerwähnt. Andres bestätigt das und verweist darauf, dass die Umfrage auch deshalb gestoppt worden sei, weil der Aufstieg die Prioritäten noch einmal verschoben habe. Allerdings war die Umfrage ja schon im Wissen um diese neue Lage erstellt worden.

Letztlich wurde die Umfrage gestoppt. Das Vorgehen zeigt allerdings unfreiwillig, dass eines Bestand hat: Auf dem großen Spielfeld Fußball ist auch viel Platz für Aufregung. Selbst, wenn sie konstruiert ist.